2. Politischer Stammtisch am 27.10.2009

Medizinisches Versorgungszentrum könnte Strukturen aufrechterhalten

Grosses Interesse beim 2. Politischen Stammtisch der SPD Ulrichstein - Lauterbacher Anzeiger vom 30.10.2009

Ulrichstein (dg). Bereits der 1. Politische Stammtisch der Ulrichsteiner SPD im April dieses Jahres war ein Erfolg. Die zweite derartige Veranstaltung am Dienstagabend übertraf jedoch die Erwartung des Veranstalters bei Weitem. Nicht nur zahlreiche Gäste aus dem Bereich der eigenen Großgemeinde kamen in den Landgasthof Groh, sondern auch interessierte Bürger aus den Nachbargemeinden, darunter auch die Bürgermeister Ernst-Uwe Offhaus (Feldatal) und Matthias Weitzel (Mücke), sowie SPD-AfA Vorsitzender Bernhard Bender.

Sicherlich war es das seit einiger Zeit sehr akute Thema: „Ärztliche Versorgung auf dem Lande“, das die Besucher anlockte. SPD-Vorsitzender Heiko Müller hatte dazu als fachkundige Referenten den Landtagsabgeordneten und gesundheitspolitischen Sprecher der SPD-Landtagsfraktion Dr. Thomas Spies und den Ulrichsteiner Arzt Dr. Dietmar von dem Borne eingeladen. Dr. Spies, der vor 1999 Arzt an der Uni-Chirurgie in Marburg war und auch heute noch regelmäßig Einsätze mit dem Notarztwagen fährt, betonte, dass die Ärztliche Versorgung auf dem Lande, ein Thema sei, das ihn besonders bewege. Mit eine Rolle spiele zunächst der Demografische Wandel in der Bevölkerung: „Wir werden gesund älter!“. Durch den Wegzug der jüngeren Generationen in das Ballungsgebiet, müsse hier die Frage gestellt werden „Wer muss versorgt werde?“ und „Welche Versorgung muss sichergestellt sein?“. Ein Hauptschwerpunkt dabei seien chronisch Kranke. Es müsse auf jeden Fall eine angemessene Facharztstruktur vorgehalten werden. Diese sei am Besten mit einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) zu erreichen, das an ein Krankenhaus angegliedert sei. An einem MVZ könnten Fachärzte abwechselnd einmal pro Woche Sprechstunde halten. Vor der Einrichtung sollte auf jeden Fall eine „Gesundheitskonferenz“ stattfinden an der auch die Kommunen und Kreistage eingebunden werden sollten. Des Weiteren müsse auch die Attraktivität für die Ärzte steigen. In Villenvororten liege die Zahl der Privatpatienten bei 30 Prozent, auf dem Lande nur bei drei Prozent. Dr. Spies nannte als eine eventuell weitere Lösung, das Projekt „Agnes“, das auf Rügen und in Brandenburg erprobt werde. Hier werde eine „Gemeindeschwester“ die bei Hausbesuchen auch Spritzen setzen dürfe sowie EKG anlegen, dass dann an einen Arzt weitergeleitet werde.

Dr. Dietmar von dem Borne der seit 35 Jahren eine Hausarztpraxis in Ulrichstein hatte, berichte zunächst von dem Problem Gebührenabrechnung. So habe er bei der Übernahme der Praxis noch Karteikarten mit sehr wenigen Eintragungen bei Hausbesuchen, Beratungen und Behandlungen gehabt. Jetzt sei eine 900 Seiten umfassende Gebührenordnung zu beachte. Als ein ernstes Thema betrachtete er die Abwanderung von Ärzten in die Schweiz und nach Skandinavien. Für den Vogelsberg stehe fest, dass in den nächsten fünf Jahren rund 50 Prozent der Ärzte wegen Erreichen der Altersgrenze ausscheiden würden. Das Thema „Ärztliche Versorgung auf dem Lande“ bezeichnete er als sehr brennend, aber es sei viel zu spät erkannt und angegangen worden. Er selbst habe über fünf Jahre vergeblich einen Nachfolger gesucht und dabei sogar drei professionelle Vermittler eingeschaltet. Er bedauerte, dass dabei von der Kassenärztlichen Vereinigung keine Hilfe zu erwarten sei. Wie bereits von Dr. Spies gefordert, plädierte er einen finanziellen Anreiz für jüngere Ärzte zu schaffen, wenn diese eine Praxis auf dem Lande übernehmen würden.

Kritik übte Dr. von dem Borne auch an der starken Einschränkung von Medikamenten und Hilfsmittel. Hier müsse eine Positivliste geschaffen werden. Diese werde allerdings von der Pharmaindustrie verhindert.
Zum Thema Abwanderung der Ärzte ins Ausland merkte Dr. Spies noch an, dass in Schweden ein Arzt nur höchstens sieben Patienten am Tag zu behandeln habe. Diese würden dann aber gründlich beraten und behandelt und kämen nicht in der nächsten Woche wieder, zumal es dort auch Anfahrtswege von weit über 100 Kilometer gebe. In Deutschland fühlten sich die Patienten oft vernachlässigt, da nur wenig Zeit für sie bleibe.
Bei der anschließenden Diskussion kam nicht nur Kritik an der Kassenärztlichen Vereinigung zur Sprache, es gab auch Bedenken an den Medizinischen Versorgungszentren. Dr. Spies forderte abschließend die Anwesenden auf, sich bei konkreten Fällen der ärztlichen Unterversorgung beziehungsweise bei Nichtversorgung schriftlich an die Kassenärztliche Vereinigung zu wenden und eine Kopie dieses Schreiben an das Sozialministerium zu senden.

SPD-Vorsitzender Heiko Müller dankte zum Schluss der Veranstaltung den beiden Referenten für ihre sehr informativen Beiträge und den Anwesend für die sehr sachliche Diskussion. Er kündigte an, dass es im Frühjahr 2010 den 3. Politischen Stammtisch mit einem neuen Thema geben werde.